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Das Sonntags-Jagdfieber
Hauptakteur der nachfolgenden Erlebnisse war ein Tierheimhund unbekannter Herkunft, gut 22 Kilo schwer mit Namen Pepper. Seine Stärke lag in schnellen, kurzen Sprints, die einem entweder die Leine aus der Hand rissen oder den ganzen Mensch zu Fall brachten und einige ernsthafte Blessuren zur Folge hatten. Vom Charakter war Pepper so nordisch, dass der Weg zur Nothilfe für Polarhunde e.V. und der Aufnahme von Pflegehunden schon fast zwangsläufig war. Gefährlich für Wild war Pepper eigentlich nicht, denn er verfolgte Spuren konsequent falsch herum und machte "Beute" nur an der Leine. Pepper´s nähere Umgebung war (je nach Wildvorkommen) in "gefährliche" und "weniger gefährliche" Gebiete eingeteilt, dennoch wurde der "Freilauf" ab und an zum Abenteuertrip. "Manchmal hast Du mich in unmögliche Situationen gebracht. Einmal bist Du brav an der Leine an den Häusern vorbei, bis weit hinaus aufs Feld und als ich Dich losmachte, bist Du schwups auf dem Absatz umgekehrt, in einen Garten "eingebrochen" und hast versucht, das Zwergkaninchen im Freilauf zu fressen. Dein und mein Pech, dass die Besitzerin gerade im Garten war - die hat uns nämlich angezeigt und wir verbrachten eine halbe Stunde auf dem Revier um uns die Standpauke für Deinen "Mordversuch" anzuhören. Ein anderes Mal, mit einer kleinen Pflege-Jagdhündin im Schlepptau, waren wir im Wald unterwegs. Du an der kurzen Leine, um Dir das "Ausrücken" zu erschweren. Ein einziger kurzer Sprung ins Gebüsch, die Leine voll ausnutzend, und Du hattest ein wild gackerndes Suppenhuhn im Maul. Die Hündin war sofort an Deiner Seite und ich hatte die größte Mühe, Dir das Huhn zu entwinden, ohne es in ihrem Maul verschwinden zu sehen. Jede Menge Federn hinterlassend verschwand das Huhn und ich hetzte nach Hause, voller Sorge um das Huhn, denn ich kannte die Größe Deiner Zähne. Herrchen war hellauf begeistert davon, am Sonntag vom morgendlichen Kaffeetisch weg zur Hühnerjagd aufzubrechen, bewaffnet mit Wäschekorb und Leintuch. Alle Verbote ignorierend sind wir mit dem Auto mitten in den Wald gefahren und suchten Hühner. Als wir gerade aufgeben wollten, fanden wir es, noch atmend, aber völlig bewegungslos daliegend. Praktisch veranlagt, dachte ich, Herrchen könnte den Rest mit einem großen Stein erledigen, aber just im Moment des Armabsenkens hob das Huhn den Kopf und gackerte. So kam das Huhn in den Wäschekorb, mit dem Leintuch abgedeckt, und ab nach Hause und erst mal bei der Polizei nachgefragt, was denn mit einem Huhn zu tun sei. Die dachten zuerst, wir wollten sie verjuxen, verwiesen uns dann aber an den zuständigen Notfall-Tierarzt. Das Wartezimmer dort war voll, kleines Ungeziefer-Viehzeug krabbelte überall im Wäschekorb und am Leintuch herum, das Huhn barg offensichtlich jede Menge Leben. Das Huhn hatte keine Chance mehr und musste eingeschläfert werden. Es hatte noch ältere Verletzungen, war vermutlich einem Fuchs entkommen. Die Rechnung durfte ich zahlen, aber das war ich schon gewohnt, auch für Dich selbst waren Deine Jagdausflüge nicht immer blessurenfrei. Eine ähnliche Geschichte hast Du uns noch einmal beschert, mit einer Katze an einem Maisfeld - die wir in brütender Hitze zwar lange gesucht haben, aber nicht mehr finden konnten. Du hast dabei fast ein Auge eingebüsst. Tödlich ging die Geschichte für den Hasen aus, den Du, angeleint mit einem kurzen Sprung ins Gras am Wegrand plötzlich im Maul hattest. Noch während ich meine Schrecksekunde nahm, hatte die elfjährige Pflegehündin Sky (Siberian Husky) ganz undamenhaft in ein aus Deinem Maul überstehendes Stück Hase gebissen und sofort ein Wettziehen begonnen. Stolz trug jeder von Euch sein Stück Hase mit sich, bis ich es Euch mühsam entwunden hatte - Ihr hattet beide kein Verständnis für meine Argumentation, dass Euch entgegenkommende Spaziergänger für "Wilderer" halten könnten. Zahlreich waren Deine Zusammenstöße mit Igeln, deren Stacheln Dir nichts auszumachen schienen. An einem dunklen, kalten Wintermorgen hattest Du es dann wirklich übertrieben und im Schein einer Straßenlaterne zog ich Dir Stachel um Stachel aus Lefzen und Nase. Am darauffolgenden Tag, wieder ein Sonntag, saßen wir einmal mehr im Notdienst und ließen Dein mittlerweile entzündetes und dick verschwollenes Gesicht behandeln. Gelernt hast Du daraus nichts. Niemals klären konnten wir die Geschichte, wie es Dir gelungen war, völlig alleine auf einem unbestellten Acker Deine Runde zu drehen und mit einem stark blutenden Ohr wieder zu erscheinen, an dem sogar ein Stückchen fehlte. Zuhause hast Du Deinen Kopf schneller geschüttelt als ich es verhindern konnte, selbstverständlich in dem Zimmer, das ich eine Woche vorher erst gestrichen hatte. Da nichts übler blutet als ein Hundeohr, lernte ich auch diesen Sonntags-Notdienst kennen - niedlich sahst Du aus mit Deinem Druckverband auf dem Kopf, wie ein Osterhase mit Zahnweh. Warum nur ausgerechnet am Tag des Fahrradmarktes, wo wir doch versprochen hatten, nach einem neuen Kinderfahrrad zu schauen? Du hast die mitleidigen Blicke und die Aufmerksamkeit sichtlich genossen. Ich habe gelernt, dass ein zielstrebiges Davonlaufen von Dir in eine Richtung mir meist einen Riesenärger einbringt und ich ganz schnell hinterher sausen muss, schlimmstenfalls hast Du eine Schafsherde in der Nase. Dreimal bin ich an elektrischen Schafszäunen erzittert (Du hast die natürlich elegant übersprungen) und habe versucht, Dich zu erwischen, während Du kläffend die Herde im Kreis herum triebst. Indirekt habe ich so gelernt, Schäfer ausfindig zu machen und unglaublich dankbar dafür zu sein, dass Du nicht gleichzeitig rennen, kläffen und beißen konntest. Ein absolutes Highlight war auch Deine einzige Entenjagd, an einem breiten, zu diesem Zeitpunkt aber eher seichten Flüsschen. Bis zu diesem Zeitpunkt war dies "sicheres" Gebiet, denn Du warst so wasserscheu, dass eine Pfütze Dir den Weg versperren konnte. Leider wusste das die Entenmutter nicht, die dich am Ufer stehen sah. Sie fing wie wild an zu kreischen und mit den Flügeln zu schlagen - ganz offensichtlich wollte sie von ihren Jungen ablenken. Du ranntest am Ufer nebenher, warst aber irgendwann davon überzeugt, die Ente könne nicht fliegen (sonst hätte sie es ja getan anstatt zu kreischen und zu flattern) und bist schließlich mitten im Wasser hintergeplatscht. Die Aufregung der zusehenden Spaziergänger war groß und es hagelte jede Menge böser Worte. Als die Ente Dich weit genug weg hatte von ihrem Nachwuchs, flog sie auf und Du schautest fassungslos hinterher. Dummerweise hast Du Dich dann ans falsche Ufer "gerettet" und warst als wasserscheuer Hund natürlich nicht zur Rückkehr zu bewegen, nun warst Du in heller Aufregung, weil ich Dir verloren gegangen war- wir mussten mehrere Kilometer auf getrennten Seiten laufen, bis wir die nächste Brücke erreichten. So genau hast Du mich niemals vorher oder nachher beobachtet wie auf diesen Metern. Ein letztes mal noch hatten wir mit der Polizei zu tun: da hast Du, am Ende eines langen Spaziergangs, wenige Meter vor dem Auto zum Sprint angesetzt und bist verschwunden. Ich hörte Dich kläffen und spürte, wie die Erde zu zittern und dröhnen begann, dann kam eine braune Wand auf mich zu. Mit einem Sprung ins Gebüsch rettete nicht nur ich mich, auch die mitgeführte Pflegehündin hopste mit. Was Du da an uns vorbei triebst, konnte es hier eigentlich gar nicht geben: Jungbullen! Zum ersten Mal hast Du Dich von einer Jagd abrufen lassen - vermutlich hat Dir die geballte Größe dann doch imponiert. Trotzdem kam ich völlig durchgeschwitzt zu Hause an und rief die Polizei an. Der ungläubige Beamte dachte zunächst ob der frühen Uhrzeit am Sonntag morgen an den Scherz eines Betrunkenen, zumal es am genannten Ort im Umkreis von mehreren Kilometern keine Weide gibt, ließ sich dann aber doch davon überzeugen, dass Rindviecher kurz vorm Ortsschild unterwegs sind."
Pepper starb im August 2004.
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